30. Mai 2017

Kaum noch zu hoffen gewagt, doch nun ist es endlich fertig, das neue Studioalbum der BRANDOS – Los Brandos!

Los Brandos
BRANDOS Los Brandos CD
€ 14,90

Keine andere Blue Rose-Band gönnt sich solch lange Pausen! Nach vielen Monaten der Gerüchte bis hin zu konkreten Informationen von Mastermind Dave Kincaid höchstpersönlich, dass er kurz vor der Fertigstellung eines komplett neuen Brandos-Albums steht, ist es tatsächlich wahr geworden, gehen die Wünsche all der treuen Fans endlich in Erfüllung. THE BRANDOS sind zurück mit einem neuen Studiowerk nach 10 ½ Jahren! Los Brandos heißt das lang ersehnte Teil und es erscheint gerade rechtzeitig zur aktuellen Tour in unseren Gefilden. Lediglich ein paar Sekunden und das Aufflammen der ersten Riffs reichen für den ultimativen Wiedererkennungswert. Ja, es handelt sich bei Los Brandos wirklich um das nächste großartige Comeback der Band aus New York, die solche Begriffe wie „street credibility“, „old school Rock’n Roll“ und „handmade electric Guitar Rock“ so stark verinnerlicht hat wie kaum eine zweite!


Seit ihrem Debütalbum Honor Among Thieves von 1987 begeistern die Brandos aus New York City mit ihrem schnörkellosen Rock’n Roll, in dem knackharte Gitarren und eine fulminante Reibeisenstimme dominieren und eine stilsichere Mixtur aus Creedence Clearwater Revival, 60er Jahre-Garagenethos, American Roots Rock sowie einer gehörigen Portion Irish Folk Rock und… – nicht ganz neu, aber aktuell immer mehr! – Latino/Border Rock auf eigentlich sehr schlichte, aber höchst treffliche Weise ineinander fließen. Dave Kincaid ist sowohl kreativer Kopf, Handwerksmeister und überhaupt Brandos-Urgestein, seine Mitstreiter wechseln über die Jahre, einige kommen aber immer mal wieder zurück, sodass man durchaus von einem Pool von Brandos-Mitarbeitern reden kann. Klar, Kincaid ist unumstrittener Bandboss, Songschreiber, Gitarrist, Multiinstrumentalist, Produzent und eben genau der Typ mit dieser Wahnsinnsstimme. Er hat seit Jahren an dem Material von Los Brandos gearbeitet und 90% der vielen Gitarrenspuren, Bässe, Mandolinen, Keyboards und Percussion im Alleingang zuhause in seinem eigenen Studio in Staten Island, New York, eingespielt und aufgenommen; den bewusst analog klingenden Final Mix hat der bekannte Tonmeister Don Sternecker zu verantworten, der früher nicht nur für die Feelies, Neal Casal, Silos, Richard Barone u.v.a. tätig war, sondern auch für die meisten älteren Recordings der Brandos bis einschließlich Over The Border, ihrem letzten Album von 2006. Als Drummer fungiert durchweg Tommy Goss, der zuvor bereits auf ein paar Nummern von Nowhere Zone (98) trommelte. Auch Gitarrist Frank Giordano ist natürlich kein Unbekannter, spielte fest in der Band zwischen 1996 und 99, hat auf Los Brandos am Ende noch so manche Gitarrennote obendrauf gepackt. Beide stehen auf der aktuellen Tour an der Seite von Dave Kincaid, dann im kompakten Viererteam mit Bassist Sal Maida (früher bei Cracker, Roxy Music, Sparks, etc.).

Die nach dem berühmten Kultfilm ‚The Wild One‘ mit Marlon Brando benannte Formation aus NYC hatte nach dem erfolgreichen Start mit Honor Among Thieves schwere Zeiten zu bewältigen: Major Label-Stress, Management-Probleme, ein komplettes auf der Halde der R&R-Geschichte gelandetes Zweitwerk, personelle Veränderungen… Da war es fast ein Wunder, als die Brandos 1992 mit Gunfire At Midnight wieder auf Kurs gingen. Nachfolgende Alben im Zweijahresrhythmus wie The Light Of The Day (94), Pass The Hat (96) und Nowhere Zone (98) sowie regelmäßige Livetourneen inklusive einem Loreley-Auftritt für den Rockpalast zementierten ihren guten Ruf als kraftvolle Powerband mit dem gewissen Etwas. Allerdings konzentrierten sie sich voll auf Europa, in ihrer Heimat USA gerieten sie über die Jahre weitgehend in Vergessenheit.

2006 stießen die Brandos zum Blue Rose Label und feierten im Dezember ein begeisterndes Comeback nach über 8 Jahren mit Over The Border, einem treffsicheren Stilmix aus zumeist fetzig rockenden Dave Kincaid-Nummern, einigen originellen Coverversionen aus den 60ern, etwas Irish Folk und bereits zwei in die musikalische Bandzukunft weisenden Border Songs, dem Titeltrack gleich zum Start und dem sehr überraschenden Latino-Gassenhauer ‚Guantanamera‘ in einer akustischen Fassung zum Abschluss.

„Over the border“ heißt das Leitmotiv für Los Brandos! Die lateinamerikanische Kultur und die spanische Sprache sind wegen einer tiefgreifenden Freundschaft zu seiner mexikanischen Gastfamilie zu Dave Kincaids zweiter DNA geworden, und das reflektiert er im aktuellen Stoff wie nie zuvor! So haben genau die Hälfte der 10 Songs spanische Texte (im Booklet dankenswerter Weise mit englischer Übersetzung), was durch Kincaids markante Röhre gefiltert zunächst etwas gewöhnungsbedürftig klingt. Um aber von Anfang an gar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, starten die Brandos gleich mit zwei satten Rockkrachern! ‚Señor Coyote‘ greift das Titelthema des Vorgängeralbums auf, es ist die Story eines menschenverachtenden Schleusers, der für viel Geld Mexikaner unter unwürdigsten Bedingungen in die USA bringt. „A demon of hell or the angel of my salvation?“ ist hier die Kernfrage aus der Sicht des Flüchtlings. ‚Querer A Los Niños‘ ist all den Kindern der Welt gewidmet, die großes Seelenleid und körperlicher Gewalt in der Familie erleiden müssen. Mit ‚Suffer In Silence‘ folgt die erste von insgesamt nur 5 in Englisch gesungenen Nummern: eine breit angelegte, sämige Gitarrenrock-Hymne, ein instant Hit wie gemacht für Radio und Festival! Die wohl strukturierte Acoustic/Electric-Ballade ‚Woodstock Guitar‘ bietet eine in kluge Lyrics verpackte Storyline vom legendären Festival im August 1969 über Van Morrison, Bob Dylan und The Band bis zur regen Szene heute und feine Laut/Leise-Passagen vom Acoustic-Intro über wohl strukturierte Langsamteile bis zu zündenden Gitarrensalven über polternden Drums. Stark! Seite 1 (für alle Vinylfreunde) endet im starken Kontrast dazu mit ‚Jacinto Chiclana‘, einem sehr melodischen, herb-romantischen Liebeslied aus der Feder des weltberühmten argentinischen Tango-Erneuerers Astor Piazzolla. Hier singt die mit einer wunderschönen Stimme gesegnete Marta Gomez im Duett mit Kincaid über schwelgenden Keyboardsflächen und spanischen Gitarren.
Mit dem gleißenden, vor sich hin dräuenden Gitarrenrock von ‚Maligna Presencia‘ wird dann wieder elektrische Fahrt aufgenommen – nichts weniger als very classic Brandos, halt nur auf Spanisch. Aber, ganz ehrlich, da hat man sich mittlerweile total dran gewöhnt – es klingt sogar richtig gut! Durch dieses Stück weht auch der Geist von Tito & Tarantula, es wäre der ideale Soundtrack für einen neuen fiktiven Quentin Tarantino-Streifen! ‚What Kind Of World‘ bietet sparsamen Acoustic Folk mit melancholischer Note, von Dave Kincaid solo interpretiert. Auch ‚Bella Encantadora‘ ist ein eher getragener, melodischer Song, aber dafür ausgestattet mit einigen übereinander gelagerten elektrischen und akustischen Gitarren, markanter Hookline und erlesenem Solo Marke „Rockhymne“!

Der lärmende Gitarrenrocker ‚These Troubled Times‘ ist wohl die neue Nummer, die beliebten Brandos-Klassikern wie ‚Gunfire At Midnight‘ und ‚Gettysburg‘ am nächsten kommt. Kincaid zieht alle krächzenden, raspelnden Register seiner Stimmbänder und schlägt uns seine deftigen, wütenden Lyrics über den desolaten Zustand der Welt direkt ins Gesicht. Aber immerhin: „these troubled times won’t bring us down, won’t make us blind.“ Nach so viel düsterer Stimmung endet Los Brandos mit einem zünftigen Good Time-Kehraus: eine gelungene Fassung des Latino-Hits ‚A Todo Dar‘ von 1955 (Pedro Infante, komponiert von Ignacio Jaime) als unerbittlicher Garage Punk-Stomper im entfesselten Highspeed-Modus!

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